Die gezeichnete Google-Ästhetik
Es ist vielleicht schon normal, aber auf keinen Fall selbstverständlich und deshalb immer wieder erstaunlich, dass ein so großes Unternehmen wie Google sich selbst häufig über eine Ästhetik vermarktet, die von anderen so gut wie gar nicht genutzt wird. Trotz eines aktuellen Firmenwerts von 66,9 Mrd. €, einer im Wortsinne globalen Aufstellung des Unternehmens und einer schier unglaublichen Zahl von Servern, die im Besitz von Google sind, stellt das Unternehmen sich und, vor allem, seine Produkte bevorzugt in Comic-Form oder anderen spielerischen und verspielten Formen dar.
Damit ist nicht nur die eher unwichtige Tatsache gemeint, dass eins der mächtigsten Unternehmen der Welt sein Logo auf seiner wichtigsten Website immer wieder aufgrund der merkwürdigsten Anlässe (Antonio Vivaldis 332. Geburtstag, what a day!) durch naive Zeichnungen verfremden läßt (gemeint sind die bekannten Google Doodles, hier die offizielle Sammlung), sondern zum Beispiel auch, dass der Browser Google Chrome der Netzgemeinde mit einem Comic vorgestellt wurde. Man stelle sich das gleiche Problem bei einer deutschen Firma vor, die auf einem hart umkämpften Verdrängungsmarkt mit einem neuen Produkt landen will: wer würde da auf die Idee kommen, mit einem Comic den Kampf um Marktanteile anzugehen?
Und wer würde in einem anderen Unternehmen ähnlich surreale Werbespots wie die aktuellen Videos zu den Google Chrome Extensions zulassen und durchsetzen? Oder ein stark erklärungsbedürftiges Produkt wie Google Adwords durch einen eher an der Augsburger Puppenkiste als an nüchtern-rationalen “Tech Specs” orientierten Film darstellen lassen?
Immer wieder erscheint deshalb der große ästhetische Abstand verwunderlich, mit dem sich Google präsentiert, auch im Gegensatz zu den Wettbewerbern, etwa Microsoft, Apple, Yahoo oder anderen IT-Firmen, die sich eher an einer Stahl-Glas-Anzug-mit-Krawatte-Flughafenästhetik orientieren (auch wenn Apple mit den ironischen Ich-bin-ein-PC-ich-bin-ein-Apple-Werbespots das Problem erkannt hat) und damit wenig zur Markierung der eigenen Marken mit menschlichen und sympathischen Attributen beitragen. Dass das verspielte Konzept der Augsburger Puppenkiste (nennen wir es mangels eines besseren Fachausdrucks mal so) sich auch international sehr viel leichter adaptieren läßt, dürfte spätestens mit dem überaus erfolgreichen Video Google Japan explains Google Street View auch den Wettbewerbern klar geworden sein.
Man schaue sich zum Kontrast den Werbespot eines ebenfalls stark erklärungsbedürftigen, diesmal aber sehr deutschen Softwareprodukts, nämlich SAP, an und vergleiche die nüchtern erzählten und mit Eindrücken aus der Brick & Mortar Welt bebilderten Botschaften mit der gezeichneten Welt einer Google Adwords-Erklärung — wo kommen mehr Informationen rüber, die man noch nicht kannte, wo wird die Marke charmanter und zugänglicher präsentiert, wo wird eher das Interesse geweckt?



